Beitrag des Arbeitskreises Ortsgeschichte und Chronik im Rahmen der Dorferneuerung
 
Fleeste, Lanhausen, Overwarfe und Ueterlande

Overwarfe

 

Die Ortschaft Overwarfe ist jüngeren Ursprungs, auch wenn die nördlich der Ortschaft sehr hoch gelegene Wurt auf eine ältere (Einzel-)Besiedlung hindeutet. Für diese Annahme spricht, dass der Siel bis zum Jahre 1699 als Wiemsdorfer Siel und ab dieser Zeit als Overwarfer Siel geführt wurde. Dieser Siel lag bis 1717 (nicht 1817) in gerader Verlängerung des alten Sieltiefs, riss dann aus und wurde nach notdürftiger Reparatur 1729 etwas weiter südlich neu angelegt (Quellen: Findbuch zum Bestand Vogtei Landwürden Nr. 642 und Chronik von Landwürden von Pastor Daniel Ramsauer sowie Vogteikarte Land Würden von 1798). Der frühere Verlauf ist heute als verlandetes Gewässer zwischen dem Grundstück Wilkens und der Sielstraße (H.-Nr. 4) noch erkennbar.

 

Die Entstehung des heutigen Ortsteiles Overwarfersiel ist wohl auf die Errichtung von Ziegeleien zurückzuführen. Ein erster Hinweis hierauf findet sich unter Nr. 432 des Findbuches vom Bestand Vogtei Landwürden auf eine von Carsten Nanken und Belke Bocken (später Booken) am Siel erbauten Ziegelei (1766 – 1799). 1770 erfolgte eine Übertragung der den Gebrüdern Hannken gewährten Konzession zur Anlegung einer (weiteren) Ziegelei und Kalkbrennerei am Overwarfersiel auf Dietrich Haxen zu Ueterlande und dessen Ehefrau geb. Hannken. (Quelle: Findbuch Nr. 115) Ausschlaggebend für die Ansiedlung war sicherlich die Nähe zu dem beschiffbaren Gewässer für An- und Abtransport von Brennmaterial, Muscheln und Steinen. Nach der Darstellung in der Vogteikarte könnte es sich um die südlich des früheren Sieles und der heutigen Sielstraße gelegene Ziegelei handeln.

Eine weitere Ziegelei entstand im Jahre 1808 von Rudolf Ehlers. Diese Ziegelei ging zunächst auf den Sohn Johann Wilhelm Ehlers und im Jahre 1841 auf den in der Ortschaft Overwarfe ansässigen Arnold Ganten über.

(Quellen: Findbuch zum Bestand Amt Landwürden 1814 – 1879 Nr. 114).

 

1841 errichtete Johann Ohlsen eine weitere Ziegelei (vermutlich heutiges Grundstück Wilkens, Overwarfersiel). Quelle: Findbuch Nr. 120. Eine weitere Ziegelei errichtete Karl-August Ganten 1870 auf dem Grundstück in der Gewanne Hohewarf, die im folgenden Betriebsjahr durch Feuer vollständig zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Bis zu welchem Zeitpunkt die Ziegeleien in Betrieb waren, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, dürfte aber in einem Zusammenhang mit dem Zurückbleiben des Außentiefs im Jahre 1896 stehen. Um 1890 muss eine der Ziegeleien noch in Betrieb gewesen sein, denn es findet sich ein Beleg in der Kirchengemeinde Schiffdorf über eine Lieferung von Dachziegeln aus Overwarfe.

 

Aber auch die 1655 bereits erwähnte Fischerei – nördlich des Sieles – dürfte zu der  Entstehung des Ortsteiles beigetragen haben.

Eine feste Verbindung zwischen diesem Ortsteil und der Landesstraße entstand erst 1888, zuvor war lediglich ein Fußpfad vorhanden.

 

Nach dem Chronisten Daniel Ramsauer dürften die kleinen Häuser westlich der Straße am Südende der Ortschaft Overwarfe wohl als „Hadschenburg“, was wohl so viel wie Itschenburg = Poggenburg bedeutet, bezeichnet werden. Diese Bezeichnung hat sich bis heute erhalten, jedoch durch Verballhornung in “Hotzenburg“ gewandelt.

Die Ortschaft Overwarfe erhielt im Jahre 1804 einen Steinfußweg auf der Westseite, deren Unterhaltung den Anliegern oblag. Der Ausbau der heutigen Landesstraße erfolgte erst 1866, dazu musste man mehrere „Fuß“ vom alten Landweg abgraben, um die Steigung vor dem Gebäude Warftenstr. 24 (von Hasseln) zu mindern. Vor dem Ausbau der Landstraße gab es einen Kirchpfad, der zwischen den Grundstücken Warftenstraße 34 und 38 (Könneker und Skeraitis) in gerader Linie über A. Gantens Ländereien zum früheren Deich und dort auf der Deichkrone zur Kirche nach Dedesdorf führte.

 

Ein eigenständiges Schulgebäude ohne Wohnung wurde 1775 errichtet und 1806, da es einzustürzen drohte, auf Abbruch verkauft und an gleicher Stelle ein neues Schulgebäude errichtet, das nach der Meinung der „Offizialen“ 200 Jahre Bestand haben sollte. Doch bereits 1833 war dieses Schulgebäude zu klein und wurde samt Grundstück verkauft (heutiges Grundstück Warftenstr. 42). Ein Foto aus dem Winterhalbjahr 1965 zeigt das zuletzt noch als Speicher genutzte Schulgebäude, das von der Gemeinde Loxstedt zur Schaffung eines Schülerwartehäuschens vermutlich im Jahr 1975 abgerissen wurde.

Das Foto (aufgenommen vor der Gaststätte Talke in Richtung Dedesdorf) zeigt neben dem noch vorhandenen Straßenseitengraben im rechten Bildhintergrund das Schulgebäude von 1806.

 

 

1843 erfolgte der von der Obrigkeit befohlene Neubau – nach Aussagen der Ortsbewohner auf dem gegenüberliegenden Grundstück, der späteren Bäckerei Booken und dem heutigen Grundstück Warftenstraße 31.

 

 

 

 

Das Schulwesen wurde mit dem Schulneubau im Jahre 1904 nach dem Entwurf des Besitzers der Luneplate von der Hellen und der Bauausführung durch den Maurermeister Lindstedt, Dedesdorf, mit der Ortschaft Ueterlande vereinigt. Dieses Gebäude wird heute als Dorfgenmeinschaftshaus und Kindergarten genutzt.

Liste der auf dem Foto zu erkennenden Personen (H. Tönjes)

 

Als weitere Einrichtungen in der Ortschaft befanden sich neben der schon erwähnten Bäckerei mit Gemischtwarenhandlung, zwei Gaststätten (Talke, Warftenstr. 26 und Tönjes, Warftenstr. 35) im Ort selbst und eine in Overwarfersiel (heute Wehmann, Am Overwarfer Siel 5) sowie eine Tischler- und Zimmerei, Warftenstr. 35.

 

Die historische Postkarte zeigt die spätere Gaststätte „Marschenhof“, Warftenstr. 35.

 

 

Eine Postkraftlinie Dedesdorf – Bremerhaven wurde am Sonnabend, dem 04. Juli 1925 feierlich eröffnet und in einer historischen Aufnahme für die Nachwelt festgehalten.

 

Ueterlande

 

Urkundlich wird die Ortschaft im Lehnsregister von 1270 erwähnt. Die Landgerichtsverordnung von 1589 erwähnt den Ueterlander Siel, der entgegen der Aussage in der Chronik von Landwürden bereits im Jahre 1707 durch einen Neubau ersetzt wurde und um die Wende ins 20. Jahrhundert einging.

 

Auch hier - wie in Overwarfe - wurde im Jahre 1804 ein Steinpfad innerhalb der Ortschaft angelegt.

 

Die Luneplate ist vor etwa 250 Jahren durch Ablagerungen angewachsen. Laut Chronik von Landwürden (Verfasser Daniel Ramsauer) wandten sich der Verganter (Auktionator) Erdmann (nach ihm ist der Erdmanns-Siel benannt) und der Verwalter Schetter in der Vogtei Blexen an die Königliche Kammer in Kopenhagen mit dem Gesuch, ihnen zwei kahle Placken Land in der Weser auf 10 Jahre frei, dann zu Meierrecht bei 10jähriger Neuvermessung einzutun, was 1767 bewilligt wurde. Schon bald wuchs die Plate bedeutend an. 1792 wird die Luhneplate erstmalig genannt und 1820 die ersten 400 – 500 Jück (200 - 250 ha) eingedeicht. Die Verlegung des Seedeiches erfolgte in den Jahren 1922/23. Mit dieser Maßnahme war die Luneplate keine Insel mehr und mit dem Bau einer hölzernen Brücke um die Jahrhundertwende (1900) über die alte Weser nunmehr mit dem Festland endgültig verbunden. Zuvor bestand eine Fährverbindung mit einer an der Kette geführten Fähre zum Festland. Die alte Weser hat mit der Fertigstellung der Neuen Luneschleuse und des Sperrdammes im Jahre 1927 ihre Bedeutung als Wasserstraße endgültig verloren. Darüber kann auch die zeitgenössische Aufnahme aus dem Jahre 1934 nicht hinwegtäuschen. Auf dem Foto ist der bewegliche eiserne Brückenteil aus der Zeit vor der Eindeichung gut zu erkennen. Zuvor bestand über die (alte) Luneschleuse (das Schleusenwärterhaus ist heute eine Gaststätte) eine Verbindung zur alten Weser und damit zu den Ortschaften Overwarfe und Ueterlande. Bei Bedarf wurde für die Torfkähne die bewegliche Brücke geöffnet. Diese Brücke ist in der Umgebungskarte von 1922 als Bestand dokumentiert.

 

Nach der Segelfähre kam die Kettenfähre im 19. Jahrhundert zum Einsatz, bevor um die Jahrhundertwende die erste Brücke errichtet wurde.

 

Aufgrund der unterschiedlichen Wasserstände in der Alten Weser und der Lune kann die frühere Verbindung nicht wiederbelebt werden.

 

Ein Verladeplatz (Löschplatz) befand sich zwischen der Brücke und dem Ueterlander Siel. Auf dem oberen Zeitungsfoto ist das zur Verschiffung aufgeschichtete Reet (Reithschober) zu erkennen. Die Jahresangabe 1932 kann nicht das Herstellungsjahr der Brücke sein.

 

In der Vogteikarte von Land Wührden von 1798 ist die Finkenburg (Bezeichnung für die kleinen Häuschen in der Nähe des ehemaligen Deiches) noch nicht zu erkennen. Ihre Entstehung liegt wohl in der Mitte des 1900 Jahrhunderts vermutlich als Kötnerhausstellen. Noch heute vorhanden ist ein Rauchhaus (im Volksmund „Villa Morgenstern“ genannt), vermutlich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

 

 

 

Bis zur Errichtung des gemeinschaftlichen Schulgebäudes zwischen Overwarfe und Ueterlande erfolgte die Unterweisung der Schüler in dem heute als Nebenanlage genutzten Gebäude Oldenburger Straße 40. Dieses historische Gebäude schränkt mit der in den Fußweg hineinragenden Gebäudeecke die Nutzung ein.

 

An Einrichtungen waren vorhanden: 3 Gärtnereien, 2 Gemischtwarenhandlungen Oldenburger Str. 22 und Oldenburger Str. 27, 1 Bäckerei Oldenburger Str. 44, Schlachterei Oldenburger Str. , Zimmerei sowie 5 Gaststätten, davon 2 auf der Luneplate in den Hirtenhäusern, 3 im Ort: Alte Deichstraße 39, Oldenburger Str. 16 und 22. Der ehemalige Saal der Gaststätte Cornelius (Oldenburger Str. 22) wird heute noch für kommerzielle Zwecke genutzt (Campsens Saalbetrieb). Bis vor einigen Jahren gab es im Ort noch eine Zimmerei (Grundstück Oldenburger Str. 11). Die Dorfschmiede Oldenburger Straße 26 hat sich bis heute mit anderen Aufgaben erhalten.

 

Die idyllische Lage des Stillgewässers „Alte Weser“ und die Nähe zur Ortschaft Ueterlande weckte über die sommerlichen Badefreuden hinaus in den 60er Jahren das Interesse der Städter nach Naherholung. So entstanden Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre auf mehreren ehemals landwirtschaftlichen Flächen mit Duldung der damaligen Gemeinde Landwürden weit über 100 Wochenendhäuser. Diese Ausuferung ohne planungsrechtliche Absicherung, letztlich auch die hygienischen Verhältnisse waren dem damaligen Landkreis Wesermarsch mit Sitz in Brake ein Dorn im Auge (Landwürden gehörte bis zur Gebietsreform im März 1974 zum Landkreis Wesermarsch). So ging er mit den ihm zur Verfügung stehenden baurechtlichen Mitteln gegen die Eigentümer und Pächter der Parzellen vor und forderte die Beseitigung der baurechtswidrigen Anlagen. Zwischenzeitlich erfolgte durch den Anschluss an die Trinkwasserversorgung und die Errichtung von Toilettenanlagen mit Sammelgruben eine Besserung der hygienischen Verhältnisse. Doch ein vom Verwaltungsgericht Oldenburg vorgeschlagener Vergleich, der den „Siedlern“ die Wochenendnutzung bis zur Besiedlung der Luneplate mit einer Großindustrie ermöglicht hätte, wurde vom Landkreis Wesermarsch abgelehnt. Der Vollzug der Gebietsreform verzögerte eine gerichtliche Entscheidung zunächst und bescherte dem nunmehr zuständigen Landkreis Cuxhaven ein Kuckucksei. Nach umfangreichen Recherchen über die tlw. veränderten Eigentums- und Pachtverhältnisse ergingen in den 80er Jahren die Beseitigungsverfügungen, die auch vor dem Verwaltungsgericht Stade Bestand behielten.

 

Aus dem seit den 20er Jahren favorisierten Vorrangstandort einer Großindustrie auf der Luneplate ist heute eine bescheidene Fläche für die Ansiedlung von Gewerbe geblieben (Bohmsiel).

Die überwiegende Fläche der Luneplate entwickelt sich heute im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen zu einem Refugium für Flora und Fauna und bietet damit einen Ansatz für einen umweltverträglichen sanften Tourismus.

 

Lanhausen

 

Der Ortsname bezieht sich auf vier mehrere 100 Meter auseinander liegende Ortsbereiche. Da ist der auf hoher Wurt unmittelbar an der Lune gelegene von der Landwirtschaft geprägte Bereich und einer an exponierter Lage gelegenen ehemaligen Gaststätte (Brückenwirt) und der nach dem Gebäudetypus um 1900 nach preußischem Fluchtlinienplan entstandene von Handel, Wohnen und Gewerbe geprägte Ortsbereich (in der Umgebungskarte von 1922 sind insgesamt 4 Häuser zu erkennen: Immoor, Fuhrunternehmer Brexendorf, Dorfschmiede/Tankstelle Müller, Hauptstr. 29 und wahrscheinlich heute Dohls, Hauptstraße 35), ferner der an die Ortschaft Fleeste heranragende Bereich mit 3 Ziegeleien. Insgesamt gab es in der Gemarkung Lanhausen nach den Chronisten 6 (?) Ziegeleien.

 

In der Umgebungskarte der Unterweserstädte Geestemünde, Lehe und Bremerhaven aus dem Jahre 1922 werden 2 Ziegeleien (Nr. 5 Ganten, Lanhausen und 7 Allers, Wulsdorf) in der Gemarkung Lanhausen als Bestand noch aufgeführt.

 

 

Des Weiteren ist noch der Ortsbereich Lanhausen-Wellen mit einer kleinen Anzahl auf hoher Wurt gelegenen ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen. In dem der Lune am nächsten gelegenen Gebäude befindet sich heute die Hengststation. Die ehemalige Gaststätte Rickers (Welle 16) ist heute eine Privatpension. In der ehemaligen Tankstelle befindet sich heute ein Motorradgeschäft. Eine mit der Ortschaft Fleeste gemeinschaftlich betriebene Schule (Schulzweckverband) ist heute noch erkennbar. Das ehemalige Schulgebäude befindet sich im Einmündungsbereich nördlich der Kreisstraße in die Landesstraße.

 

Ein Schiffsverladeplatz befand sich am östlichen Rand der Ortschaft dort, wo heute der private Wassersportclub sein Domizil hat. Eine fußläufige Verbindung zwischen diesem Ortsteil und der Luneschleuse verlief südlich der Lune (es könnte sich hier auch um ein Überbleibsel der früheren Zuwegung zu der an der Schleuse noch um 1922 vorhandenen Ziegelei Ganten handeln).

 

Erst im Jahre 1608 wurde hier die Deichlücke geschlossen. Zuvor fand ein freier Schiffsverkehr von der Lune in die Alte Weser im Wechsel von Ebbe und Flut statt. Der Deichschluss führte zunächst zum Bau eines Sieles, das (vermutlich ca. 900 m weiter nördlich von dem jetzigen Standort im früheren natürlichen Verlauf der Lune am Standort der späteren Ziegelei Honne Brakhahn, Wulsdorf (vgl. dazu Übersichtskarte der Ziegeleien) lag und mit einer hölzernen Schleuse (Norder-Luneschleuse) verbunden war. 1754 wurde weiter südlich die Süder-Luneschleuse angelegt und 1848 auf Veranlassung des Stoteler Schleusenverbandes in Stein neu gefasst. 1855 erfolgte eine Verlegung der Norder-Luneschleuse nur 50 m parallel zur Süder-Luneschleuse oder auch Stoteler Schleuse genannt. Dies geschah höchstwahrscheinlich, um der regen Schifffahrt auf der Lune Fahr- und Wartezeiten zu verkürzen, ganz sicher diente sie der Wasserregulierung in der Lune. 1851 wurde ein Schleusenwärterhaus errichtet, heute ein beliebtes Ausflugsziel mit Gaststättenbetrieb. Die alte Norder-Luneschleuse ist auch heute bei intensiver Suche noch auszumachen. Während die Stoteler Schleuse 10 Jahre nach der Inbetriebnahme des Neuen Lunesieles (1927) herausgerissen worden ist. An ihrer Stelle befindet sich heute die über die Lune führende Fußgängerbrücke. Der Bau des Neuen Lunesieles ermöglichte in dem damaligen preußischen Staat eine groß angelegte Hafenerweiterung in Geestemünde (heute der Süden Bremerhavens) Quelle: Stadtgeschichte – Fischereihafen sowie Chronik von Onno Stahmer.

 

Foto von Wilfried Hegemann, gemacht von einem Gemälde des Malers Simoneit, spiegelt eine nicht mehr vorhandene Idylle an und  in der Lune wieder. Lediglich das Gebäude im linken Bildrand ist noch vorhanden. Das alles gehörte einmal zur bäuerlichen Ziegelei Ganten.

Die Beschreibung der Ortschaft könnte mit einer von Yves Döll verfassten Abhandlung ergänzt werden. Der Verfasser arbeitet derzeit an seiner Dissertation und hat nicht die Zeit, seinen während des Besuchs am Gymnasium verfassten Aufsatz über Lanhausen zu überarbeiten und für eine Veröffentlichung freizugeben.

 

 

 

Fleeste

 

Der Ortschronist Onno Stahmer hat in den Jahren 2000 – 2002 eine Ortschronik angelegt, die der Arbeitsgruppe zur Verfügung gestellt wurde. Nachstehend eine Kurzfassung aus diesem Werk:

 

Das Dorf Fleeste, unmittelbar an der Lune gelegen, wird urkundlich erstmalig im Jahre 1110 erwähnt und dürfte damit wohl mit Lanhausen und Stotel zu den ältesten Ortschaften gehören. Fleeste, eine Bauernschaft, gehörte bis 1779 dem Amte Stotel, bis 1831 Amt Stotel-Viehland, bis 1885 dem Amt Lehe, bis 1932 dem Kreis Geestemünde und bis 1974 dem Landkreis Wesermünde an. Alle hier in Rede stehenden Ortschaften gehören seit 1974 der Gemeinde Loxstedt an und mit der Kreisreform (1978) zum Landkreis Cuxhaven.

Obwohl diesem Ort viele der an der Lune gelegenen ehemaligen Ziegeleien zugerechnet werden, befanden sich lediglich zwei in der Gemarkung Fleeste, und zwar die des Johann Stahmer dort, wo im Jahre 1876/77 nach Gründung eines Schulzweckverbandes mit Lanhausen ein gemeinsames Schulgebäude errichtet worden ist (heutiges Grundstück An der Balge 40 Egon Cornelius), ferner die Ziegelei Carsten und Carl Becken aus Fleeste und Hetthorn (Nr. 18 Übersicht über die Ziegeleien).

 

Im Bereich des Unterlaufes der Lune einschließlich Wulsdorf gab es 24 Ziegeleien, zunächst als bäuerliche Ziegeleien im Nebenerwerb geführt, zog die zunehmende Mechanisierung und Umstellung von Kammer- zum Ringofen eine Kapitalbindung nach sich, die eine Abkehr vom landwirtschaftlichen Nebenerwerb zum gewerblichen Unternehmen zur Folge hatte. Der Bau der Hafenanlagen im 1900 Jahrhundert in dem späteren Bremerhaven bescherte dieser Region Arbeit für die Landbevölkerung und Wohlstand den Ziegeleibesitzern. Die Ziegeleiarbeiterkamen nicht nur aus dieser Region, teilweise auch aus entfernteren Gebieten wie zum Beispiel aus dem Lipper Land.

 

Spuren ihres Wirkens haben die Ziegeleiarbeiter hinterlassen. So gab es von der Ortschaft Fleeste zu der in der Gemarkung Nesse belegenen Ziegelei Wohlers zunächst eine „Fährverbindung“. Mit einem an einem Seil geführten Boot konnten die Arbeiter zu dem anderen Ufer gelangen. Im Jahre 1930/31 wurde ein Fußweg durch den Garten von Karl Voß und Bretter auf Pontons befestigt und als Übergang über die Lune angelegt. 1937 wurden an gleicher Stelle Pfähle gerammt und eine hölzerne Brücke vom Zimmermann Johann Kück aus Holte gebaut. Diese Brücke ist seit der Schließung der Ziegelei nicht mehr unterhalten worden und untergegangen.

Die Blütezeit der Ziegeleien lag im ausgehenden 1900 Jahrhundert. Das Ziegeleisterben setzte mit der Inbetriebnahme des Kalksandsteinwerkes in Bremerhaven ein. Mit diesem ebenmäßigen Kalksandstein war man nicht mehr auf das Vermauern der Klinker der zweiten und dritten Wahl für das Hintermauerwerk angewiesen. Die Ziegeleien blieben auf diese Ware und damit auch entstandenen Kosten sitzen. Als letzte von vielen Ziegeleien schlossen Haxens (1960) und Wohlers (1972) die Pforten.

 

Die Lune hatte als Wasserstraße für den Transport der Steine und des Brennmaterials eine große Bedeutung. 1855 zählte man in den Moorkolonien (Heise/Kransmoor) 80 Torfschiffer (genannt: die Jan`s vom Moor) mit 107 Torfkähnen. Eine Nachbildung eines Torfkahnes befindet sich im Bootshaus an der Hollener Mühle. 1874 passierten 548 Schiffe mit einer Fracht von 374.440 Zentnern die Schleuse, allein aus Fleeste waren es 30 Schiffe mit einer Fracht von 20.180 Zentnern.

 

Einer Begradigung der Lune, eine von den Torfschiffern zur Verkürzung der Fahrzeiten schon recht früh erhobene Forderung, standen Besorgnisse der Marschbauern, ihre Flächen könnten bei stärkeren Niederschlägen und dem schneller abgeführten Wasser überflutet werden, entgegen. Die Begradigung erfolgte aber trotz der Widerstände dann doch zwischen 1910 und 1926.

 

Der letzte öffentliche Löschplatz für die Luneschiffer wurde im Jahre 1881 eingerichtet, der bis 1924 genutzt worden ist. Er befand sich gegenüber dem Gebäude An der Balge 30 (heute Brennholzstapelplatz). Ein weiterer Löschplatz für das aus Wurthfleth und Aschwarden angelieferte Gemüse befand sich im Einmündungsbereich des Sieles in die Lune.

 

Zwischen 1878 und 1880 erfolgte der Ausbau der heutigen Kreisstraße von der L 121 zur Ortschaft Fleeste auf der ehemaligen Deichlinie

 

In guten Zeiten gab es bis zu 4 Gastwirtschaften in dem eher als klein zu bezeichnenden Ort. Die Gaststätte der Familie Berends gab es ab 1926, die 1965 an Herbert Tanzen verkauft worden ist. Neben der Gastwirtschaft betrieben die Berends ein Kolonialwarengeschäft bis zum Verkauf des Hauses.

 

Stuves Gastwirtschaft war Anlaufpunkt der Ziegeleiarbeiter. Dann gab es noch die Gaststätte Johann Stahmer, die Anfang der 20er Jahre geschlossen wurde. Um 1990 gab es noch im Hause Gerken (früher Beckmann) Fleetstraße 38 eine Gastronomie, allerdings nicht von langer Dauer.

Zusammenfassung und Ausblick

 

Diese Region und damit die 4 hier in Rede stehenden Ortschaften sind eng mit der Entwicklung der Stadt Bremerhaven verflochten. Von der Hafenentwicklung im 19. Jahrhundert konnte die Landbevölkerung dieser Ortschaften über mehr als ein Jahrhundert partizipieren. Ablesbar ist dies an den in der Gründerzeit errichteten teilweise herrschaftlichen Häusern. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und dem durch den zweiten Weltkrieg bedingten Wiederaufbau gab es für die ländliche Region für einige Dekaden einen neuerlichen Aufschwung, der sich in den letzten 2 Jahrzehnten infolge des Strukturwandels, insbesondere im Schiffbausektor und in der Fischerei sich ins Gegenteil verkehrt hat. Die Stadt Bremerhaven setzt verstärkt auf den Tourismus u.a. mit den „Havenwelten“. Hier bietet sich eine neuerliche Chance zur Stärkung des ländlichen Raumes. Ein Blick in die Geschichte kann dabei sehr hilfreich sein, denn verbindendes Element dieser vier Ortschaften ist und bleibt das Wasser zur Be- und Entwässerung, außerdem waren die Flüsse Lune und Alte Weser früher wichtige Wasserstraßen.

 

Neben themenbezogenen Radwegen könnten auch „nachgestellte“ Fahrten mit (historischen) Bootsnachbauten gestakt, getreidelt oder unter Segeln in Betracht kommen. Auch eine Wiederbelebung der früheren Verbindung in Fleeste über die Lune mit einer am Seil geführten Fähre für Radfahrer und Fußgänger könnte in Betracht kommen und mehr Spaß vermitteln, als dies eine hölzerne Brücke vermag. Eine Fähre wäre überdies auch kostengünstiger.

 

Dank gebührt den an diesem Werk Mitwirkenden: Wilfried Hegemann, Hans Michaelis, Helge Priebe, ganz besonders Onno Stahmer, der über zwei Jahre vieles, unter anderem auch zur Lune und den Ziegeleien beigetragen hat und nicht zuletzt Jürgen Ronnenberg, der in der text- und bildlichen Bearbeitung die Ortsgeschichte neu in Szene zu bringen versucht hat.

Der Dank richtet sich auch an alle Bürger dieser Ortschaften, die ihre Hauschronik (Hof Höpken), historischen Fotos für die Dokumentation zur Verfügung gestellt haben.

 

 

(Stand 09.06.08)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Foto von Hannelore Ganten-Lange zeigt das ehemalige Anwesen des Ziegeleibesitzers Arnold Ganten. Der vordere Anbau aus dem Jahre 1844 dürfte mit den Steinen aus der eigenen Ziegelei errichtet worden sein, während der hintere Gebäudeteil aus dem Jahre 1818 stammt. Mit dem Maße von 270 x 62 handelt es sich um ein eigenwilliges Format. Zu erkennen ist der Göpelgang, der den Beginn der Mechanisierung in der Landwirtschaft einleitete.

 

 

Aufwendig gestaltet ist das frühere hölzerne Hoftor, das durch das jetzt noch vorhandene eiserne Tor ersetzt worden ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto von H. Tönjes zeigt sein Geburtshaus Warftenstraße 53 (heute M. von Oesen).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Rahmen des Reichsbauernprogrammes (1934) entstanden auf dem teilweise abgetragenen Deich insgesamt 8 bäuerliche Anwesen nach einheitlichen Bauplänen (4 im nördlichen und 4 im südlichen Deichabschnitt der Sielstraße).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Luftaufnahme aus neuerer Zeit

Fotos von H. Tönjes zeigen im linken Bereich das alte Schulgebäude. Gut zu erkennen ist das hochkant gelegte Straßenpflaster. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Luftaufnahme zeigt links im Bild die Bäckerei Booken, rechts daneben die Gaststätte Marschenhof.

 

Ein Klassenfoto aus dem Jahre 1931.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das gleiche Gebäude ca. 100 Jahre später. Rechts im Bild ist die Viehwaage zu erkennen.

(Foto: H. Tönjes)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Bild zeigt Instandsetzungsarbeiten am hölzernen Brückenteil im Jahre 1934. Anfang der 50er Jahre wurde der hölzerne Brückenteil durch einen Erddamm ersetzt. Die auf dem Bild zu erkennende Ramme befindet sich heute noch im Eigentum der Familie C. von der Hellen.

(Foto: H. Tönjes)

 

 

 

 

 

 

Deutlich zu erkennen ist der bewegliche stählerne Brückenteil                      (Foto H. Tönjes)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto H. Tönjes zeigt Details der Reparaturarbeiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitungsartikel aus der Hauschronik Hofstelle Höpken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im linken Bildhintergrund ist der ehemalige Schlafdeich gut zu erkennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sowohl der Auszug aus der TP-Karte als auch die Luftaufnahme geben ein anschauliches Bild der Situation vor der Beseitigung wieder. Die mit Bäumen bestockten Flächen östlich der alten Weser erinnern noch heute an die erlebnisreichen schönen Wochenenden, denen die Kaufleute und Gastwirte aus Ueterlande/Overwarfe noch heute nachtrauern. Am Stoteler See sollte ein planungsrechtlich gesicherter Ersatz geschaffen werden. Die zur Entsorgung notwendige Kanalisation wurde sprichwörtlich in den Sand (hier handelt es sich allerdings um Moor) gesetzt. Dieses Vorhaben scheiterte an den Tücken des nicht tragfähigen Grundes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das südliche Hirtenhaus auf der Luneplate mit Angehörigen der Familie Harrie. Aufnahme stammt aus dem Ende der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Hof von Friedrich Haxsen am Ortsausgang von Ueterlande vor dem 1. Weltkrieg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bau des neuen Siels auf der Luneplate 1925 (Erdmannssiel)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auszug aus der Umgebungskarte der Unterweserstädte Geestemünde, Lehe und Bremerhaven von 1922

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto von der Tankstelle aus den 50er Jahren. Die Fahrbahn bestand aus Blaubasalt mit angegliedertem Sommerweg (unbefestigter Weg für die Pferdegespanne) auf der Ostseite (Foto: H. Müller)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das gleiche noch einmal aus der Luft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto von der Stoteler Luneschleuse aus dem Jahrbuch der Männer vom Morgenstern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oberteil des Außenhauptes der ehemaligen Süder- oder auch Stoteler-Luneschleuse im Garten der Gaststätte „Alte Luneschleuse“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbruchplan aus dem Jahre 1933

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersichtskarte der Ziegeleien aus der Ortschronik von Onno Stahmer, Fleeste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liste der Ziegeleien aus der Fleester Chronik von Onno Stahmer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So oder ähnlich könnten die Torfkähne auf der Lune ausgesehen haben. Abbildung zeigt Torfkähne und Kumpwagen am Torfplatz in Bremerhaven um die Jahrhundertwende (20. Jahrhundert), Zeichnung Otto Stahmer (Foto: Stadtarchiv Bremerhaven).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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